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Eon strebt eine ausgewogenere Ergebnisstruktur an

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Frankfurt, 15.07.2014

Der Finanzchef von Deutschlands größtem Versorger zur internationalen Expansion, der Situation in Brasilien und Investitionsnotwendigkeiten in Europa

 

- Herr Schäfer, die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien steht vor ihrem Finale. Hatten Sie Zeit und Interesse, die Spiele zu verfolgen?

Es hat mich interessiert, weil ich sehr gerne Fußball schaue. Und die WM hatte ja den Vorteil, dass viele Spiele erst am Abend übertragen wurden. Da konnte ich schon das ein oder andere Spiel gucken.

- Brasilien gehört auch zu den außereuropäischen Märkten, in denen Eon expandieren will. Gibt es eigentlich in irgendeiner Art einen WM-Effekt für Eon beziehungsweise für Ihre Brasilien-Tochter Eneva?

Wären wir im Endkunden- oder Netzgeschäft aktiv, dann würden wir sicherlich Nachfrageänderungen spüren. Wir haben in Brasilien aber ein Kraftwerksgeschäft und vermarkten den produzierten Strom langfristig. Einen direkten WM-Effekt gibt es für uns daher nicht. Die Treiber für den Strommarkt in Brasilien sind aktuell ohnehin ganz andere als die Weltmeisterschaft.

- Welche meinen Sie?

Es gibt in Brasilien eine hohe Abhängigkeit von der Wasserkraft und damit von den jährlichen Niederschlägen. Aktuell erlebt das Land eine der schwerwiegendsten Trockenperioden, die dazu führt, dass der Markt extrem abhängig wird von der Verfügbarkeit der konventionellen Erzeugung. Also wenn man so will, ist im Land eine Situation zu beobachten, wie wir sie uns in Europa, insbesondere in Deutschland, zurzeit mit dem massiven Ausbau der erneuerbaren Energien selber schaffen. Brasilien versucht aber vorzubeugen: Zur Absicherung der volatilen Wasserkraft wird der Neubau von zuverlässiger konventioneller Erzeugung bewusst gefördert. Das ist ein viel größerer Treiber für den Strommarkt als so ein singulärer Effekt, wie es die Fußball-WM ist.

- Trotzdem läuft es bei Eneva noch längst nicht rund. Eon musste für die finanzielle Stabilisierung jüngst noch einmal 200 Mill. Euro nachschießen. Es drohen Strafen, weil Kraftwerksblöcke nicht rechtzeitig ans Netz gegangen sind. Was sagen Sie zur aktuellen Situation?

Ich hätte mir grundsätzlich natürlich die eine oder andere Entwicklung in Brasilien auch anders gewünscht - das ist keine Frage. Umgekehrt muss man aber auch sehen: Brasilien ist für uns nur eines von vielen Geschäften, und die Auswirkungen der dortigen Aktivitäten auf den Gesamtkonzern sind weit geringer, als die öffentliche Diskussion vielleicht vermuten lässt. Zudem entscheidet sich der langfristige Erfolg bei einem solchen Markteintritt sicherlich nicht in nur einem Jahr. Das Wachstum im brasilianischen Energiemarkt ist nachhaltig. Das hat sich auch im schwierigen letzten Jahr gezeigt. Deshalb ist die Entscheidung für diesen Markt richtig gewesen.

- Auf der Hauptversammlung von Eon war Brasilien in diesem, aber auch schon im vergangenen Jahr eines der Hauptthemen der Aktionäre. Auch institutionelle Investoren haben sich kritisch geäußert. "Keine internationalen Experimente" hieß es immer wieder. Können Sie das verstehen?

Auf der Hauptversammlung nimmt man regelmäßig nur einen Teil der Aktionäre wahr. Wir sind laufend in einem intensiven Dialog mit einer breiten Schicht unserer Anteilseigner. Natürlich werden Augenmaß und Risikobewusstheit gerade dann eingefordert, wenn ein Unternehmen über seine Heimatmärkte hinausgeht. Es geht uns auch gar nicht darum, Risiken zu negieren. Umgekehrt muss man aber auch sehen: Die härtesten Nackenschläge, die Eon in der jüngeren Vergangenheit bekommen hat, gab es nicht in irgendwelchen Märkten weit weg von zu Hause. Die größten Nackenschläge haben wir im eigenen Land bekommen - mit einseitigen Entscheidungen und mit radikalen Änderungen der Marktstrukturen. Dies sehen auch unsere Investoren sehr differenziert.

- Zum außereuropäischen Geschäft von Eon zählen auch noch die Märkte in der Türkei und in Russland.

Bei unserem Einstieg in Russland vor einigen Jahren ist uns ebenfalls Skepsis entgegengeschlagen. Heute wird Eon im russischen Strommarkt als das professionellste und am besten aufgestellte Unternehmen angesehen. Wir setzen dort die Benchmarks in der gesamten Branche. In Russland haben wir im Bereich Erzeugung und Gas schon mehr als 8 Mrd. Euro investiert, also ein Vielfaches von dem, was wir zurzeit in Brasilien und der Türkei ausgeben. Nur darüber redet niemand. Im Fokus steht immer Brasilien - obwohl dort das kleinste von unseren außereuropäischen Geschäften ist. Wir haben aber in Russland schon gezeigt, dass wir durchaus erfolgreich in einen neuen Markt hineingehen können.

- Viele denken beim Thema Brasilien unweigerlich auch an die Erfahrungen von ThyssenKrupp.

Sicherlich kann es sein, dass Leute die Schwierigkeiten des einen Unternehmens sehen und dann Vergleiche ziehen. Wir sind aber in einer völlig anderen Situation. Es ist nur zufällig das gleiche Land.

- Was kann das gesamte außereuropäische Geschäft - also Brasilien, Türkei und Russland - mittelfristig an Umsatz- und Ergebnisbeitrag liefern?

Wir geben hier kein Gesamtziel vor, auch weil unsere außereuropäischen Geschäfte so breit gefächert sind. Wir definieren aber genauso wie für unsere europäischen Geschäfte für jeden einzelnen Geschäftsbereich Zielvorgaben. Noch einmal: Es ist wichtig, dass wir außerhalb von Europa aktiv sind, weil es dort mehr Wachstumsmöglichkeiten gibt und die Märkte anders strukturiert sind.

- Wird das Geschäft des Eon-Konzerns durch die Expansion außerhalb Europas insgesamt volatiler, wie einige Analysten befürchten?

Nein. Das ist eher als eine Diversifikation zu sehen, die beim Ergebnis im Zeitablauf auch einen Ausgleich zwischen verschiedenen Entwicklungen in den Regionen bringt. Wir streben ganz bewusst an, von der einseitigen Aufstellung unseres Portfolios wegzukommen. 2012 waren noch rund 50 % unseres Geschäfts abhängig von Commodities, also von Strom, Gas, Öl oder Kohle. 2016 werden wir schon eine sehr viel ausgewogenere Ergebnisstruktur haben. In der Vergangenheit waren wir nur auf wenige Geschäfte und ihre Ertragspotenziale ausgerichtet. Diese Dominanz einzelner Bereiche gibt es heute schon nicht mehr, und sie wird in den nächsten Jahren noch weiter abnehmen. Und damit verbunden ist dann auch eine größere Stetigkeit und Ergebnissicherheit.

- Gibt es einen Zusammenhang zwischen der internationalen Expansion von Eon auf der einen und dem Rückzug aus einzelnen europäischen Märkten auf der anderen Seite?

Da gibt es keinen Zusammenhang. Wir haben in den außereuropäischen Märkten in den nächsten Jahren keine weiteren Großinvestitionen vor der Brust, für die wir irgendetwas aus unserem Portfolio verkaufen müssten. Sollten wir uns in Europa in Zukunft aus Geschäften zurückziehen, wäre das eine rein strategische Überlegung. Und die Mittel, die dann frei würden, könnten wir auch ins europäische Kerngeschäft reinvestieren, schwerpunktmäßig in erneuerbare und dezentrale Energien. Da gibt es keine Präferenz für die außereuropäischen Märkte.

- Die Internationale Energieagentur IEA hat kürzlich die Investitionsnotwendigkeiten in der Energiewirtschaft untersucht. In den nächsten 20 Jahren sind international viele Billionen Dollar an Investitionen in die Energieinfrastruktur notwendig, hieß es in der Studie. Dabei haben sich die Investitionen in der Branche weltweit seit dem Jahr 2000 schon verdoppelt. Was bedeutet das für ein Unternehmen wie Eon?

Es war sehr hilfreich, dass die IEA einmal offengelegt hat, welche Investitionen nötig sind, um die Versorgungssicherheit aufrechtzuerhalten. Allein die Investitionsnotwendigkeit in Europa beträgt bis 2035 rund 2 Bill. Dollar - eine gigantische Zahl. Ein Großteil davon muss in den Erzeugungsbereich fließen, sowohl in den konventionellen als auch in den erneuerbaren Sektor. Wichtig ist, dass jetzt von der Politik auch ein Umfeld für diese Investitionen geschaffen wird. Denn es werden im Endeffekt nicht die einzelnen europäischen Staaten sein, die diese Investitionen schultern können, sondern es wird privates Kapital sein, das hierfür gewonnen werden muss.

- Sie sorgen sich, dass zu wenig in die europäische Energieinfrastruktur investiert wird?

Ja, sogar sehr. Die Studie ist auch ein Signal an die Politik, auf die Rahmenbedingungen zu achten. Die IEA sieht bis 2025 einen Bedarf an neuen Erzeugungskapazitäten in Europa von über 100 Gigawatt. Ich sehe derzeit aber nicht, wer diese bauen wird. Auf Basis der heutigen Investitionsbedingungen in Europa gehe ich nicht davon aus, dass wir bis 2025 auch nur ein Kraftwerk mehr haben als die, die sich heute ohnehin schon im Bau befinden.

- Auf der einen Seite steigt der Investitionsbedarf. Auf der anderen Seite kürzen die Versorger wie auch Eon ihre Investitionsbudgets.

Auch wir passen unsere Investitionen derzeit auf ein Normalmaß an. Die Dividende und die Investitionen müssen wieder aus dem freien Cash-flow bezahlt werden können, was bei uns zuletzt nicht der Fall war. 2015 wollen wir wieder einen positiven freien Cash-flow erreichen. Dann schaffen wir uns selbst auch wieder neuen Spielraum für Investitionen.

- Wie wollen Sie das erreichen außer mit Investitionsdisziplin?

Wir haben zum Beispiel Maßnahmen eingeleitet, die auf das Umlaufvermögen zielen. Aber auch auf der Finanzierungsseite versuchen wir uns neue Spielräume zu eröffnen. Nehmen Sie die Wahldividende, die wir in diesem Jahr erstmals angeboten haben. 37 % der Aktionäre haben sich einen Teil der Dividende in Aktien ausbezahlen lassen. Das war ein großer Erfolg. Damit haben wir rund 300 Mill. Euro der Dividende nicht in bar zahlen müssen.

- Werden Sie die Wahldividende auch im nächsten Jahr wieder anbieten?

Nach dem Erfolg, den wir jetzt hatten, gehe ich davon aus, dass wir dieses Programm 2015 fortsetzen. Ende 2013 hatten wir noch 93 Millionen eigene Aktien im Bestand. Solange wir noch eigene Aktien haben, werden wir wohl auch in Zukunft eine Wahldividende anbieten. Danach muss man neu entscheiden.

- Sie bezeichnen das Kapitalmanagement als eine Ihrer Hauptaufgaben. Was steht hier künftig noch im Fokus?

Als taktische Maßnahme im Bilanzmanagement haben wir Anfang Juli für 1 Mrd. Euro eigene Anleihen zurückgekauft und so unsere Bruttofinanzverschuldung gesenkt. Dies haben wir gemacht, weil wir aus den Veräußerungen der Vergangenheit relativ viele flüssige Mittel in der Bilanz hatten. Und einer der attraktivsten Wege, derzeit sein Geld anzulegen, ist in eigene Anleihen. Da ist das Kreditrisiko gleich null. Unser Angebot an die Anleihegläubiger ist auch gut angenommen worden: Uns wurden Anleihen im Volumen von 1,5 Mrd. Euro angedient.

- Wie haben Sie die mittelfristigen Verschuldungsziele für Eon gesteckt?

Wir wollen unseren Verschuldungsfaktor wieder auf unter 3,0 senken. Dazu stehe ich nach wie vor. Das werden wir aber weder in diesem noch im nächsten Jahr, sondern erst mittelfristig erreichen. Man muss allerdings auch sagen: Bei der derzeitigen Situation auf dem Kapitalmarkt ist es nicht unbedingt notwendig, dieses Ziel sehr zeitnah zu erreichen. Die Kapitalmärkte sind offen, und eine Refinanzierung ist heute ohne Schwierigkeiten möglich. Großen Refinanzierungsbedarf haben wir zurzeit ohnehin nicht.

- Wie werden sich die Nettofinanzschulden im laufenden Jahr noch entwickeln?

Unsere Nettofinanzverbindlichkeiten sind im ersten Quartal erstmals wieder unter die Marke von 10 Mrd. Euro gesunken. Vor eineinhalb Jahren lagen wir noch bei über 14 Mrd. Euro. Ich gehe davon aus, dass wir auch im Gesamtjahr 2014 ein ähnliches Niveau werden halten können wie im ersten Quartal.

- Wo steht Eon zurzeit beim Thema Kostensenkungen?

Bei dem 2011 aufgesetzten Programm "Eon 2.0" sind wir heute komplett on track. Das Gesamtvolumen der Einsparungen sollte 2015 bei 1,3 Mrd. Euro pro Jahr liegen. In diesem Jahr werden wir davon noch 300 Mill. Euro und im nächsten Jahr dann die letzten 100 Mill. Euro umsetzen. Die Maßnahmen sind alle heute schon so konkretisiert und vertraglich fixiert, dass sie auch sicher umgesetzt werden.

- Das Programm war mit dem Abbau von 11 000 Stellen verbunden. Wo stehen Sie dabei heute?

Wir haben schon rund 8 000 Arbeitsplätze sozialverträglich und in einer den Umständen angemessenen Form abgebaut. Die noch fehlenden 3 000 Stellen sind ebenfalls schon identifiziert. Auch hier gibt es bereits weit überwiegend entsprechende vertragliche Vereinbarungen mit den Mitarbeitern.

- Wie geht es nach Abschluss des Programms "Eon 2.0" mit dem Kostenmanagement weiter?

So ein Programm ist für uns der Ausgangspunkt dafür, das Thema Kostenmanagement im ganzen Konzern viel stärker zu verinnerlichen als in der Vergangenheit. Effizienzverbesserungen müssen Teil der DNA des Eon-Konzerns werden. Und dafür hat "Eon 2.0" den richtigen Schub gebracht. Wir sind in einem Markt unterwegs, in dem wir sehr starken Druck von außen haben. Wer hier Erfolg haben will, muss erst einmal das eigene Haus aufräumen.

- Desinvestitionen sind künftig kein großes Thema mehr für Eon, oder?

Das große Programm ist abgewickelt, und da haben wir mit 20 Mrd. Euro ja auch weit mehr erlöst, als wir es uns ursprünglich zum Ziel gesetzt hatten. Allerdings kann es noch strategische Entscheidungen geben, Geschäfte abzugeben.

- Analysten schätzen, dass allein der Verkauf des Italien-Geschäfts rund 3 Mrd. Euro bringen könnte.

Wir beteiligen uns grundsätzlich nicht an Marktspekulationen. Wir schauen uns natürlich unser gesamtes Portfolio laufend an und überprüfen immer wieder, ob wir bestimmte Aktivitäten weiter halten sollten oder ob es strategisch sinnvoller ist, diese zu veräußern.

- Überall im In- und Ausland hat es in den vergangenen Monaten Milliardenabschreibungen auf Kraftwerke gegeben. Bei Eon sind schon seit längerer Zeit keine Wertberichtigungen fällig geworden. Warum?

Wir hatten in den vergangenen Jahren regelmäßig einen Wertberichtigungsbedarf, haben aber vielleicht einfach etwas früher damit angefangen, diesen zu verbuchen. Das ist ein kontinuierlicher Prozess. Wir überprüfen regelmäßig die Werthaltigkeit unserer Anlagen, vor allem wenn sich die Rahmenbedingungen maßgeblich ändern.

- Die aktuellen Strompreise sind kein Faktor, dass Sie noch weiteren Wertberichtigungsbedarf befürchten?

Zurzeit nicht. Seit unserem Jahresabschluss 2013 und damit seit unserer letzten Überprüfung gab es keine dramatischen Änderungen der Strompreise. Das niedrige Niveau ist ja nicht neu.

- Das erste Halbjahr 2014 ist um. Wie sehr traf es Ihre Erwartungen?

Insgesamt liegt die Geschäftsentwicklung im Rahmen der Erwartungen, die wir bereits zum Jahresbeginn kommuniziert haben. Natürlich gibt es in einzelnen Geschäften immer wieder kleinere Abweichungen nach oben oder unten. Wir hatten zum Beispiel einen unerwartet warmen Winter, der sich im ersten Quartal negativ auf unsere Vertriebsmargen ausgewirkt hat. Dem stehen aber operative Verbesserungen in anderen Geschäftsbereichen gegenüber, wie zum Beispiel in unserem sehr robusten Verteilnetzgeschäft.

- Für das Gesamtjahr hat Eon einen deutlichen Rückgang des Ergebnisses prognostiziert. Dabei bleibt es?

Beim Ebitda haben wir für 2014 eine Bandbreite von 8,0 bis 8,6 Mrd. Euro prognostiziert nach 9,3 Mrd. im vergangenen Jahr. Dabei bleibt es vorerst. Was mir aber wichtig ist: Wenn man das operative Ergebnis um Desinvestitionen und Währungseffekte bereinigt und damit das Portfolio like for like betrachtet, dann lagen wir im ersten Quartal recht stabil auf Vorjahresniveau. Und für das Gesamtjahr 2014 wird das ähnlich aussehen. Der Kapitalmarkt versteht diese positive Entwicklung und nimmt unsere derzeitige Ergebnissituation auch längst nicht so negativ wahr wie die Öffentlichkeit insgesamt. Für unsere Investoren ist wichtig, wie sich Eon in den nächsten Jahren, also 2015 bis 2018 entwickelt. Für sie spielt der aktuelle Ergebnisrückgang kaum noch eine Rolle.

Das Interview führte Andreas Heitker.

(c) Boersen-Zeitung, Frankfurt

Börsen Zeitung