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Nachbericht EventHorizon2017: Bedrohung als Chance

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Wien, 16.02.2017

Die Blockchain-Technologie hält auch in der Energiewirtschaft Einzug, hieß es bei der EventHorizon2017. Während manche damit das Ende der traditionellen Energieunternehmen kommen sehen, beginnen diese, Blockchains selbst zu nutzen.

„Ignoriere alle Regularien. Konzentriere Dich ausschließlich auf die Physik, die Resilienz und das wirtschaftliche Interesse des Einzelnen.“ So beschrieb Ewald Hesse, Gründer der Wiener Firma GridSingularity, bei der Konferenz EventHorizon2017, die Idee hinter der Blockchain-Technologie, die ihren Proponenten zufolge die Energiewirtschaft gründlich verändern soll, und das innerhalb weniger Jahre. Das Konzept der Blockchains leitet sich von der „Kryptowährung“ Bitcoin ab. Daten über geschäftliche Transaktionen werden zu „Blöcken“ kombiniert und anonymisiert sowie verschlüsselt dezentral im Computernetzwerk der Teilnehmer gespeichert. Neue Transaktionen werden zu weiteren Blöcken zusammengefasst und mit den bestehenden kombiniert, womit eine „Kette“ von Datenblöcken, die Blockchain, entsteht. Diese ist von allen im Netzwerk Kooperierenden als gültig akzeptiert. So können diese Geschäfte untereinander abwickeln, ohne dass eine zentrale Institution die wechselseitige Zahlungs- und Lieferfähigkeit gewährleisten muss. Auf die Energiewirtschaft umgelegt, bedeutet das: Die Energieversorger laufen Gefahr, eines ihrer Kerngeschäfte, den Energieverkauf an Endkunden, zu verlieren. Auch der Energiehandel über Börsen könnte durch Transaktionen mittels Blockchains überflüssig werden. Eine wahre „Revolution“ also, die auf die Branche zukommt.

Selbst einsetzen

Vielleicht. Denn verständlicherweise haben die Energieunternehmen wenig Lust, sich mirnichts-dirnichts eliminieren zu lassen. Und so sind auch in Österreich etliche Blockchain-Pilotprojekte in Planung bzw. bereits im Gang. Ein Unternehmensstratege, der nicht namentlich genannt werden wollte, verlautete gegenüber dem EnergyNewsMagazine bei der EventHorizon, die Technologie werde sich mit höchster Wahrscheinlichkeit durchsetzen. In klassischen Geschäftsbereichen, wie eben dem Energieverkauf, würden die traditionellen Anbieter zweifellos an Boden verlieren - wobei die Margen aber ohnehin alles andere als üppig seien. Deshalb werde das Energieunternehmen der Zukunft im Wesentlichen zwei Geschäftsbereiche aufweisen. Erstens werde es als Infrastrukturanbieter agieren, der die technischen Voraussetzungen für das Funktionieren des Marktes bereitstellt und die Versorgungssicherheit mit (elektrischer) Energie auch weiterhin gewährleistet. Zweitens werde es umfassende Dienstleistungen anbieten, die weit über den klassischen Energievertrieb hinausgingen. In beiden Bereichen ließen sich Blockchains nutzbringend einsetzen.
Ähnlich äußerte sich Martin Graf, der Vorstand der Energie Steiermark. Ihm zufolge ist die Blockchain „die wichtigste Änderung in der Energiewirtschaft seit der Liberalisierung des Marktes“. Sein Unternehmen arbeite mit der Technischen Universität Graz zusammen, um die neue Technologie gewinnbringend zu nutzen und erfolgversprechende Geschäftsmodelle auszuarbeiten. Auch mit einschlägig ausgerichteten Start-ups werde kooperiert. Ferner habe die Energie Steiermark eine „enge Zusammenarbeit“ mit den Autozulieferern im Großraum Graz aufgebaut und arbeite ferner mit einer Online-Bank zusammen. „Blockchain ist eine faszinierende Technologie. Sie wird in Zukunft eine breite Palette an Geschäftstätigkeiten möglich machen“, resümierte Graf.
Die Wien Energie befasst sich ebenfalls mit dem Thema und testet die Technologie in einem bis Mai laufenden Pilotprojekt. Dabei geht es laut einer Aussendung des Unternehmens um „die Tauglichkeit der neuen Blockchain-Technologie für eine Tradingplattform im internationalen Gashandel“.

Netzwerk im Aufbau

Nicht zu unterschätzen sind allerdings die Herausforderungen, um Blockchains an die Bedürfnisse der Energiewirtschaft anzupassen, warnte Hervé Touati vom Rocky Mountain Institute (RMI) des US-amerikanischen Energiewirtschafts-Gurus Amory Lovins. Eine Blockchain für Energielieferungen zwischen Privatpersonen („Prosumern“) zu entwickeln und in Gang zu bringen, könne gut und gerne 300.000 US-Dollar verschlingen. Überdies fehle es an standardisierten „Smart Contracts“, grob gesprochen, Programmen für Blockchains, die deren Nutzung in bestimmten Geschäftbereichen ermöglichen. Deshalb gründete Touati die „Energy Web Foundation“, der mittlerweile rund 80 Unternehmungen und Institutionen angehören. Ziel der „Foundation“ ist es, ein internationales Netzwerk aus Entwicklern und Nutzern von Blockchains im Energiebereich zu schaffen und auf diese Weise zu einer Standardisierung grundlegender Softwareanwendungen zu kommen. Touati plant, die gesamte Wertschöpfungskette im Energiesektor mittels Blockchains abzubilden, von der Anlagensteuerung und -wartung über die Vermarktung der Energie bis zur Abrechnung. Zurzeit ist Toauti beim „Fundraisung“. Im kommenden Jahr soll die „Foundation“ ihren Betrieb aufnehmen.

Dr. Klaus Fischer, © EnergyNewsMagazine.at