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„Alle Kraftwerke sind systemrelevant“

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Wien, 10.07.2017

APG-Vorstandschefin Ulrike Baumgartner-Gabitzer warnt vor einem Kollaps des Stromsystems.

Schwankende Wetterbedingungen, immer mehr erneuerbare Energiequellen und immer weniger thermische Kraftwerke – das Stromsystem in Balance zu halten, wird immer schwieriger, Notfallmaßnahmen sind zur Routine geworden. Mit dem Aufwand steigen auch die Kosten: Die Austrian Power Grid (APG), zuständig für den Betrieb des österreichischen Hochspannungsnetzes, rechnet heuer mit einem neuen Höchststand. Zu allem Überfluss muss sie auch noch die Einschränkung der deutsch-österreichischen Strompreiszone umsetzen und dabei Kraftwerke für Deutschland zur Verfügung stellen. Die „Wiener Zeitung“ sprach darüber mit Ulrike Baumgartner-Gabitzer, die seit 2014 Vorsitzende des Vorstands der APG ist.

„Wiener Zeitung“: Die erste Hitzewelle des Sommers haben wir hinter uns. Wie haben die Stromnetze die hohen Temperaturen überstanden?

Baumgartner-Gabitzer: Die Wettersituation beschert unseren Kollegen in der Steuerzentrale viele Sorgenfalten. Unser Stromsystem ist dieser Tage einer explosiven Mischung ausgesetzt: Viel unberechenbarer Strom aus Sonnenkraft und Windkraft, aber wenig aus der konstanten Wasserkraft, weil die Wasserstände an der Donau sehr niedrig sind. Um das Stromnetz stabil zu halten und Stromausfälle zu verhindern, brauchen wir derzeit alle verfügbaren thermischen Kraftwerke.

Um auf solche kritischen Situationen reagieren zu können, hat die APG die sogenannte „Sommerreserve“ erhöht und sich von Mai bis September 2,4 Gigawatt (GW) an Kraftwerksleistung von österreichischen Energieversorgern gesichert. Reicht das aus?

Es dürfte ausreichen, aber die Kosten für die Notmaßnahmen liegen heuer bereits bei etwa 170 Millionen Euro. Wir befinden uns in der Mitte des Jahres, haben aber jetzt schon höhere Kosten als im gesamten vergangenen Jahr. (Es handelt sich dabei um Kosten, die für das Abrufen von österreichischen Kraftwerken durch deutsche Übertragungsnetzbetreiber und die APG anfallen, Anm. d. Red.) Im Rekordjahr 2015 waren wir bei 202 Millionen Euro. Das wird übertroffen werden.

Im Jänner war es noch bedrohlicher: Zwei Wochen lang hat die APG die zweithöchste Warnstufe bei einem Rekordstrombedarf mit einer Lastspitze von 11.000 MW ausgerufen. Wird die Notsituation zur Normalität?

Ja, der Jänner war sehr schwierig, aber wir haben ihn überstanden. Doch kaum ein halbes Jahr später und wir stehen wieder vor demselben Problem. Wir kämpfen tatsächlich laufend mit Zuständen, die früher Ausnahmesituationen waren. Die Notmaßnahmen sind zur Routine geworden. Das ist keine gesunde Entwicklung.

Die in der Vorwoche beschlossene Ökostromnovelle bringt der APG mehr Rechtssicherheit bei Eingriffen ins System und erhöht den Handlungsspielraum. Was genau umfassen die Änderungen?

Wir werden künftig mehrjährige Verträge mit den Kraftwerksbetreibern abschließen können, die uns die Leistung der Kraftwerke nicht nur für ein paar Monate, sondern für das ganze Jahr sichern. Außerdem kommt eine gesetzliche Meldepflicht für die Schließung von Kraftwerken.

Enthält sie auch das von Ihnen geforderte Vetorecht, wenn die Schließung eines Kraftwerks die Versorgungssicherheit gefährdet?

Leider nein, die Gesetzesanpassung gibt uns nur einen Wissensvorsprung, aber wir haben keinerlei Handhabe, um eine Schließung zu verhindern. Wenn sich der Betrieb für das Unternehmen nicht mehr rentiert, kann es das Kraftwerk vom Netz nehmen, und wir können nichts dagegen tun.

Können wir es uns leisten, auch nur ein Kraftwerk stillzulegen?

Nein, können wir nicht.

Sind alle bestehenden thermischen Kraftwerke in Österreich systemrelevant für die Stromversorgung?

So ist es.

Die Maßnahmen zur Stabilisierung des Stromnetzes haben sich ja mittlerweile zu einem Geschäftsmodell entwickelt. Den österreichischen Energieversorgern bringen sie dringend nötige Deckungsbeiträge. Allein der Verbund hat damit 2015 148 Millionen Euro verdient. Ist es nicht absurd, dass die Versorger daran verdienen, dass das Stromsystem immer instabiler wird?

So hat sich das mit der Energiewende entwickelt. Für uns sind die Gaskraftwerke eine Notwendigkeit: Wir brauchen sie, um die Versorgung zu sichern. Wir als Experten sagen aus technischer Sicht, was wir benötigen. Wer die Kosten dafür trägt, haben wir nicht zu entscheiden. Dafür gibt es die Regulierungsbehörde, das Ministerium und die politisch Verantwortlichen.

Werden die Probleme von der Politik nicht wahrgenommen?

Wir haben unsere Sorgen allen Verantwortlichen mitgeteilt. Als Übertragungsnetzbetreiber sind wir damit konfrontiert, dass der Ausbau von Wind- und Sonnenkraft schneller voranschreitet als der Netzausbau – obwohl es das nützlichste Mittel ist, um die meisten Probleme abzufangen. Deswegen brauchen wir dringend die 380-kV-Leitung in Salzburg. Da sind wir gerade in der zweiten Instanz und hoffen, dass wir bald grünes Licht bekommen. Das ist ein 600 Millionen Euro schweres Investitionsprojekt und dient der Stromversorgung Österreichs. Wir brauchen von der Politik schnellere, praktischere Verfahren und sichere Rahmenbedingungen.

Große Unklarheit herrscht derzeit auch über die seit 2001 bestehende deutsch-österreichische Strompreiszone. Sie wird zwar nicht wie befürchtet aufgetrennt, aber die Übertragungskapazität wird ab Oktober 2018 eingeschränkt. Die APG ist für die praktische Umsetzung zuständig. Gibt es schon einen Plan, wie das gelöst werden soll?

Wir sind dabei, das vorzubereiten. Das hat viel mit IT und Regeln zu tun. Wir kennen das ja schon aus der Zusammenarbeit mit anderen Nachbarstaaten.

Wird diese Markteinschränkung dann zu höheren Strompreisen führen?

Es ist durchaus möglich, aber wir erwarten aus heutiger Sicht keine dramatische Preiserhöhung, weil die Kapazitätsgrenze mit 4,9 Gigawatt doch sehr hoch ist.

Ein Teil des Kompromisses zwischen Deutschland und Österreich sieht vor, dass die APG für die deutschen Übertragungsnetzbetreiber zunächst 1 Gigawatt an österreichischen Kraftwerkskapazitäten zur Verfügung stellt und ab 2019 1,5 Gigawatt.

Genau. Wenn die Einschränkungen an der deutsch-österreichischen Grenze im Oktober 2018 starten, wollen wir die thermischen Kraftwerke langfristig und ganzjährig unter Vertrag nehmen und so auch den deutschen Bedarf abdecken.

Immer wieder kommt die Idee einer Österreich-Infrastrukturholding auf, in der das ÖBB-Schienennetz, das Gasnetz der OMV-Tochter GCA, die Autobahnen der Asfinag und eben das Stromnetz der APG zusammengefasst werden sollen. Wäre die APG dort gut aufgehoben?

Das ist eine Frage des Eigentümers. Wir gehören der Verbund AG und fühlen uns da gut aufgehoben. Ich glaube, wir haben in unserer Funktion als unabhängiger Übertragungsnetzbetreiber einen guten Weg gefunden.

Von Kamil Kowalcze

"Wiener Zeitung" Nr. 131