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"Die Gefahr eines Oligopols sehe ich nicht"

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11.09.2017

D ong Energy hat für eine Zeitenwende bei den Erneuerbaren gesorgt. Das dänische Unternehmen hat im Frühjahr bei der ersten hiesigen Ausschreibung für Windparks im Meer den Zuschlag mit einem Null-Cent-Gebot bekommen. Damit verzichtet Dong auf eine vom Staat garantierte Vergütung für die Einspeisung von Ökostrom und vertraut ganz auf eine lukrative Vermarktung an der Strombörse. Dong-Deutschlandchef Martin Neubert macht sich nun dafür stark, dass die geplanten Stromautobahnen hierzulande zügig ausgebaut werden, um die saubere und preiswerte Energie in großen Mengen nach Süddeutschland transportieren zu können.

Herr Neubert, Ihr Unternehmen hat die erste deutsche Offshore-Ausschreibung mit Null-Cent-Offerten gewonnen. Die nächste Ausschreibung wird im Frühjahr 2018 stattfinden. Gehen Sie dann wieder mit null Cent Einspeisevergütung ins Rennen?

Ich kann leider nicht in die Glaskugel schauen. Jeder Anbieter muss seine betriebswirtschaftlichen Kalkulationen machen. Wir arbeiten schon an unserem Angebot, aber wir haben noch keine fertige Offerte in der Schublade liegen. Ich gehe davon aus, dass unsere Wettbewerber die Sache ähnlich angehen.

Aber die Flächen in Nord- und Ostsee, wo die Windräder errichtet werden, sind bekannt, und wir wissen auch, dass eine Kapazität von insgesamt 1610 Megawatt ausgeschrieben wird - das ist etwas mehr als die Leistung eines Atomkraftwerks. Da müsste doch klar sein, zu welchen Kosten Sie dort Windräder ins Meer stellen können?

Aber vieles ist unklar - insbesondere, wer letztlich ein Angebot abgibt. Und davon wird letztlich auch der Zuschlagspreis abhängen. Schließlich können auch schon vergebene Projektflächen noch den Eigentümer wechseln. Das kann dann das Bieterverhalten maßgeblich beeinflussen.

Noch einmal die Frage: Können wir damit rechnen, dass es dauerhaft Zuschläge mit sehr niedrigen Einspeisevergütungen geben wird? Wird der Offshore die günstige Art, Strom zu erzeugen?

Das ist ganz klar unsere Hoffnung. Wir wollen dauerhaft subventionsfrei Strom erzeugen und ihn zu Marktpreisen verkaufen. Da soll die Reise hingehen. Wir müssen die Offshore-Branche weiter industrialisieren. Das ist die beste Lebensversicherung für die weitere Entwicklung der Erneuerbaren.

Wie kam diese enorm schnelle Kostensenkung zustande? Vor drei Jahren wurde noch vor Offshore-Strom als der teuersten erneuerbaren Energie gewarnt. Damals wurde noch von Einspeisevergütungen von 19 Cent gesprochen.

Die subventionsfreien Angebote in der jüngsten deutschen Auktion waren auch wegen einer Reihe von Besonderheiten möglich. Unter anderem kann bei den neuen Projekten schon bestehende Netz-Infrastruktur auf See genutzt werden. Die Antwort auf die Frage, ob wir schon jetzt in einer zwangsläufig subventionsfreien Offshore-Windwelt angekommen sind, ist ganz klar: Nein. Wir haben es mit langen Vorlaufzeiten zu tun. Bei den Null-Cent-Zuschlägen geht es um Projekte, die wir und EnBW 2024 und 2025 ans Netz anschließen müssen. Deshalb können wir mit einer neuen Turbinentechnologie planen, die heute noch gar nicht zur Verfügung steht, aber in sieben, acht Jahren wird das der Fall sein. Diese Turbinen werden eine doppelt so hohe Kapazität wie die Turbinen haben, die wir heute verbauen - die noch eine Leistung von sechs bis acht Megawatt haben.

Windräder mit 13 bis 15 Megawatt: Was ist dabei der Clou?

Da ist so ähnlich wie mit der Entwicklung der Smartphones. Auch da gibt es eine technische Entwicklung, die jede neue Generation etwas leistungsfähiger gemacht hat. Wobei, ehrlich gesagt, auch echte Brancheninsider aus dem Offshore-Wind-Bereich nicht vorausgesehen haben, dass die Entwicklung so zügig und in solchen großen Schritten verlaufen wird. Es kommt bei den Kostenkalkulationen maßgeblich auf die einzelne Anlage an.

Wie meinen Sie das?

2014 haben wir unseren bislang größten Offshore-Windpark, London Array in Großbritannien, eröffnet. Der besteht aus 173 Windrädern mit 173 Fundamenten im Meer und 173 Anschlusskabeln. Der Park hat eine Leistung von insgesamt 630 Megawatt. Jetzt bauen wir mit Hornsea 1, ebenfalls in Großbritannien, einen Park mit 1200 Megawatt. Das ist eine Verdopplung der Erzeugungskapazität, aber das geschieht mit der gleichen Anzahl von Windrädern. Daran können Sie erkennen, dass die Errichtung dieses Windparks aufgrund der Skaleneffekte erheblich preisgünstiger ist, als es bei London Array der Fall war. Die Rotoren werden größer, damit erhöhen sie die Stromausbeute pro Windrad. Anfang der 90er Jahre hatten unsere ersten Anlagen einen Rotordurchmesser von 35 Metern. Heute arbeiten wir mit 170 Metern - das ist fast das Fünffache.

Diese technische Entwicklung und die Umstellung der Erneuerbaren-Förderung auf Ausschreibungen sorgen für einen erheblichen Kostendruck in der Branche. Werden wir in der Windbranche in zehn Jahren nur noch einige wenige große Betreiber und Hersteller sehen?

Da darf man nicht nur eng auf Deutschland schauen. Die Offshore-Windbranche ist eine globale Industrie. Und es ist eine Industrie mit einer enormen Dynamik. Den größten Teil unserer Wettbewerber sehen wir auch in Großbritannien, in den Niederlande, den USA und in Asien. Das gilt auch für unsere Lieferanten. Die Zahl der Akteure hat sich in den vergangenen drei, vier Jahren verdoppelt. Das gilt für die Turbinenhersteller, aber auch für die Anbietern von Kabeln. Oder bei den Installationsschiffen, da ist die Zahl der Anbieter so stark gestiegen, dass wir derzeit sogar ein Überangebot haben. Die Gefahr eines Oligopols sehe ich nicht.

Brauchen wir angesichts dieser Entwicklung überhaupt noch eine staatliche Förderung der Erneuerbaren?

Richtig ist, wir müssen uns weniger Gedanken über die Förderung machen. Was die Hersteller der Turbinen und die Zulieferer brauchen, ist Planbarkeit. Firmen wie Siemens, Vestas oder General Electric fangen nicht einfach damit an, für viel Geld neue Turbinen zu entwickeln. Es muss zum Beispiel sichergestellt werden, dass es Netzanschlüsse an Land gibt. Deshalb muss die Politik verlässliche Rahmenbedingungen schaffen. Das geschieht vor allem über die Festlegung von Ausbauzielen. Diese wurden in der jüngsten Version des EEG aber leider nach unten geschraubt. Das ist Förderung mit angezogener Handbremse.

Man könnte auch fordern, Ausbauziele ganz aufzugeben, weil sie sich als eine Art Rationierung erwiesen hat. Also so viel bauen, wie möglich. Ist das sinnvoll?

Der Netzausbau und die Errichtung der Windparks müssen koordiniert werden. Da ist in der Vergangenheit auch einiges schiefgelaufen, was teilweise enorm kostspielig war. Wir fordern, dass dies künftig besser in Einklang gebracht werden muss. Wir sagen: Schaut nach Großbritannien. Dort werden Windpark und Netzanschluss auf See von den Windparkentwicklern aus einer Hand geleistet. Das macht vieles einfacher. In Deutschland müssen sich die Betreiber der Windfarmen und die Betreiber der Netze bei der komplexen Offshore-Logistik koordinieren. Günstiger wäre deshalb, künftig nicht nur die Erzeugungskapazitäten auszuschreiben, sondern die Netzanschlüsse auf See da mit hinein zu nehmen. Damit könnten auch die Kosten für die Netze deutlich gedrückt werden. Das müssen wir dringend bei der nächsten Version des Erneuerbare-Energien-Gesetzes diskutieren. Denn dies entlastet letztlich die Stromkunden.

Und wie steht es hierzulande um den Ausbau der Netze an Land, um den Offshore-Strom von der Küste nach Bayern und Baden-Württemberg zu transportieren, wo er dringend gebraucht wird?

Der Fokus muss klar darauf gerichtet sein, den Ausbau der Netze an Land zügig voranzubringen. Die fehlenden Übertragungskapazitäten nach Süden waren ja der Grund für das Bremsen beim Offshore-Ausbau. Diese Stromautobahnen von Norden nach Süden werden für das Jahr 2025 geplant. Dies konsequent anzugehen, ist richtig. Aber wir müssen jetzt aufpassen, dass wir nicht in einen Netzengpass in den Jahren um 2030 hineinlaufen - schließlich sollen die Erneuerbaren weiter ausgebaut werden. Und bei Offshore-Windenergie gibt es wegen des technischen Fortschritts enorme Potenziale. Diese dürfen wir nicht verspielen.

Marktgesetze wirken da überhaupt nicht?

Wir brauchen Planung. Einfach mal schauen, was passiert, wenn man Windräder ins Meer stellt, führt zum Chaos. Die Leitplanken sind überdies durch den Klimaschutzplan vorgegeben.

Wobei die Kosten für die Stromautobahnen gar nicht das Problem sind. Alles hängt doch an den Genehmigungsverfahren und den Mitspracherechten der betroffenen Bürger. Können wir bei den beiden Stromautobahnen, die 2025 fertig sein sollen, den Zeitplan überhaupt noch einhalten?

Auch wir haben Zweifel. Schließlich steht der Zeitplan unter dem Vorbehalt, dass es keine weiteren Änderungen gibt. Änderungen gab es in der Vergangenheit aber viele. Da komme ich auf das Thema Netzanschluss auf See zurück. Ein Unternehmen wie Tennet, das federführend bei den Stromautobahnen ist, hat wirklich riesige Aufgaben vor der Brust. Wir wären bereit, den Ausbau der Netze auf See zu übernehmen.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

"Frankfurter Rundschau"